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Weshalb wir nicht immer mehr sein können

 Das Wort, das über dem heutigen Post schwebt, ist ein schweres; Demut. Ich weiss nicht weshalb es plötzlich aufkam, ich weiss nur, dass es nicht mehr wegging. 

 

Ich glaube, es kam in einer Yogastunde auf. Oder es hat dort begonnen. Ich weiss nicht, ob du an Gruppenstunden im Fitnessstudio teilnimmst, aber ich hatte immer Angst davor. Den direkten Vergleich, da schaut mich ja jeder an, da werde ich ja beurteilt. Im Yoga schaffe ich es aber tatsächlich, mehr und mehr bei mir zu sein, mich nicht zu vergleichen, nicht zu urteilen. Weder über mich noch über andere. Einmal hat meine Yogalehrerin gemeint: «Seid nicht stolz darüber, wenn ihr etwas könnt. Bleibt bescheiden.» Es geht nicht darum, die Übung noch perfekter durchzuführen, sondern die Übung überhaupt durchzuführen. 

Lange habe ich gedacht, dass ich da auf einem guten Denkweg bin und dies auch umzusetzen versuche. Bis ich diesen Sommer am Ende einer Yogastunde meine Lehrerin um Hilfe bei einer Asana (Übung) gefragt habe. Es ging um das Rad (oft auch «Brücke» genannt) und da ich im unteren Rücken Probleme habe, wollte sie mich noch etwas mehr hochziehen. 

Ich konnte die kommenden Tage nicht mehr laufen und habe meine Schmerzen mit Tabletten bekämpft. 

 

Was ich damit sagen möchte? Dieser Schmerz, diese Sturheit in meinem Kopf, etwas zu wollen, das ich in diesem Moment nicht konnte, hat mich auf den Boden der Realität zurückgebracht. Ich wusste eigentlich, dass mein Körper diese Körperhaltung in diesem Moment nicht ausführen sollte und habe es trotzdem gemacht. 
Und erst recht der Moment, als ich die Übung vor ein paar Wochen in der Yogastunde wieder probiert habe, wurde ich mir dieser Situation bewusst. Mich Schritt für Schritt heranzutasten, mit dem Hintergedanken da zu stoppen, wo es weh zu tun beginnt, denn weiter gehe ich nicht mehr. Und es hat plötzlich geklappt. Das hat mich demütig gestimmt. 

 

Ich habe das Wort «Demut» mal gegooglet. Es ist ursprünglich sehr religiös und bedeutet, die Hingabe und Ergebenheit gegenüber einem Gott. Allgemein aber, kann aber auch die menschliche Haltung gemeint sein, die sich zur Bescheidenheit, Bereitschaft zur Unterordnung und Ehrfurcht auszeichnet. Es steht im Gegensatz zu Hochmut, Eitelkeit und Selbstgefälligkeit. 

Und das ist, was ich in diesem Moment gespürt habe. Die Dankbarkeit, einen gesunden Körper zu habe und gleichzeitig die Ehrfurcht davon, dass ich überhaupt Yoga üben kann. Demut bedeutet für mich bescheiden zu sein, mich nicht mir anderen zu messen, sondern in Schritten das anzugehen, was mir wichtig ist. Mein Ziel zu verfolgen und nicht dasjenige anderer. Nicht äusseren Bildern zu folgen, obwohl es doch auf dem Hochglanz-Yogamagazin so schön scheint. Demut bedeutet für mich zu sehen, was ich alle schon bin und nicht, was ich noch nicht bin. Und das da immer mehr sein wird, aber ich es nicht sein muss. 

 

Und deshalb wünsche ich dir heute diese Genügsamkeit für dich und dein Leben, die dich nicht davon abhalten soll, weiter an dir zu arbeiten, aber vielleicht auch mal Dankbarkeit und Zufriedenheit für das zu fühlen, was schon ist. 

 

Manchmal ist gut auch gut genug. Und manchmal muss man nicht immer mehr sein, sondern einfach sein. 

 

Alles Liebe, Julia

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