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Vergissmeinnicht

Ich habe vor etwas mehr als einem Jahr den Blogpost «Vergissdeinnicht» geschrieben. Er hat all das beschrieben, was jetzt im Moment grad ist. Ich habe mir all das gewünscht, was ich jetzt habe. Viel Zeit. Zeit, die ich mir gerne nehmen wollte, sie mir aber aufgrund des stressigen Alltags gefehlt hat. 
Hier findest du ihn nochmal; auch ich musste mir meine Worte auch wieder vor Augen führen: 

Denn es ist doch so: der Alltag steht vor der Tür. Früher oder später sind wir wieder mitten drin und vergessen sind die Wochen voller Isolation und voller Zeit. Die Wochenenden, an denen man nichts vorhatte, weil man nichts tun konnte. Die Zeit, an dem die Frage «Bist du zuhause?» eine Floskel war, weil wir es alle waren. 

Vergessen ist eine Art Selbstschutz. Vor allem diejenigen Dinge, die uns nicht gutgetan haben. Als wir uns einsam fühlten, als wir einander vermissten und als wir diejenigen nicht hatten, die alle wiederkommen werden. 
In mir schreit im Moment eine Stimme ganz laut, die sich mit Händen und Füssen wehren möchte, dass ich all das vergesse, was ich gelernt habe. Dass das alles nicht umsonst war. Dass diese, für mich auf der einen Seite sehr schmerzhafte, aber auch wunderschöne, Zeit einen Sinn hatte. 

Es gibt Symbole für «Lernen» und «Verstehen». Das Symbol für «Lernen» ist ein Dreieck mit einem Kreis auf der oberen Spitze. Wir tragen das Neue, das Gelernte auf uns. Das Symbol für «Verstehen» ist aber ein Dreieck mit dem Punkt in der Mitte. Das Gelernte wurde also verinnerlicht und ist ein Teil von uns und nun auch in uns. 

Und so fühle ich mich nun – viel gelernt und nichts davon verinnerlicht. 
Alles da, aber nur zu Besuch. 

Und ja, so geht es mir des Öfteren. Ich schreibe meine Blogpostst, weil ich eigentlich viel weiss. Und wenn ich sie mir später durchlese, fühle ich mich, als hätte sie jemand anderes geschrieben. Jemand, der auch mir immer wieder Tipps gibt, jemand, der mich versteht und eigentlich Bescheid weiss. 
Jemand, den ich manchmal wieder vergesse, obwohl er immer da ist. Und manchmal sage ich zu mir selber, dass ich gerne mehr wie ich wäre. Eigentlich schön, oder?

«Sapere aude»; habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Das hat Immanuel Kant gesagt. Weiter heisst es aber auch, dass wer erst mal begonnen, schon zur Hälfte gehandelt hat, dass man es wagen soll, weise zu sein. Und schliesslich heisst es: Beginne!

Beginne damit, dich zu erinnern. Dich auf die Dinge zu besinnen, die zwar weh getan haben, aber auch schön waren. Erinnere dich an dich. 

Vergissmeinnicht. Vergissdeinnicht. 
Alles Liebe, Julia

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