Direkt zum Hauptbereich

Freiheit ist eine Zumutung

Ich schreibe diesen Blogpost während eines Spaziergangs. In meinem Kopf. Es ist morgens um 06:28, die Sonne geht hinter dem Wald auf. Und ich bin hier mit meinen Gedanken, weil sie hier mehr Raum haben.

Nach einem langen Gespräch kam mir letztens ein Zitat aus einem meiner Lieblingsbücher in den Sinn. Im Buch „Das grosse Los“ schreibt Meike Winnemuth was sie gemacht hat, als sie eine halbe Million Euro in der Fernsehsendung „Wer wird Millionär“ gewonnen hatte; nämlich während eines Jahres jeden Monat in einer anderen Weltstadt gelebt. Sie meinte:
Freiheit ist erst mal eine Zumutung, niemand von uns hat gelernt, wie das geht.“

Ich lebe in einer Welt voller Freiheiten, in einem Land mit unbegrenzten Möglichkeiten; ich lebe im Wohlstand, bin umgeben von einem guten Gesundheitssystem und bin ver- und abgesichert. Und damit mich meine Freiheit nicht übermannt, ist mein Alltag normalerweise getaktet und hat klare Strukturen. 
Was die Freiheit jetzt aber zur Zumutung macht, ist, dass wir im Moment anscheinend viel mehr Zeit zur Verfügung haben, als es unser Alltag zulassen würde. 

Ich mache zurzeit Dinge, die ich sonst nicht tun würde, obwohl ich es könnte. Obwohl es mir auch sonst guttun würde.
Ich mache Sport am Morgen früh, gehe praktisch täglich spazieren, tausche mich aus, habe Videotelefonate mit Freunden, die ich sonst auch über längere Zeit nicht sehen würde. Ich sitze auf meinem Balkon und beobachte meine Nachbarschaft. Ich nehme mir Zeit.
Natürlich merke ich manchmal auch auf etwas unangenehme Weise, für wen ich mir gerne Zeit nehme und bei wem ich mich weniger melde oder wer sich für mich mehr oder eben auch weniger Zeit nimmt. Dafür gibt es immer mehrere Gründe, die aber im Alltag weniger zeigen. 
Ich bin dankbar für die Menschen, bei denen ich merke, dass wir füreinander da sind, weil wir die Freiheit gemeinsam nutzen, umsetzen und leben. Die für mich die Freiheit greifbar machen und mir die Angst davor nehmen. 

Gleichzeitig sind das aber auch Menschen, die mir Freiheit geben und keine Entscheidungen von mir erwarten. Die für mich Türen offen lassen und akzeptieren können, wenn ich eine andere Tür wähle, als sie erwartet hätten. Zu Beginn überfordert es mich manchmal, weil ich mir oft klare Rückmeldungen und Ratschläge wünsche. Bis ich merke, dass diese Freiheiten, diese Akzeptanz genau das ist, was ich brauche. 

Meike Winnemuth schreibt am Ende ihres Buches, dass sie ihr Vorhaben auch ohne das gewonnene Geld hätte umsetzen können. Und somit eigentlich auch das, was wir als Hindernis für unsere Freiheit nehmen, eigentlich nur eine Ausrede ist. 
Denn nur weil unser Leben (hoffentlich) bald wieder strukturierter und getakteter sein wird, heisst es nicht, dass uns die Freiheit wieder genommen, sondern die Zeit wieder anders geplant werden muss. Und es heisst auch nicht, dass wir zurück zu den Freunden gehen sollen, die uns genau sagen, was wir tun und lassen sollen. Das wird auch dann nicht weiterhelfen. 

Denn wie Ernst Ferstl schon gesagt hat, ist die Zeit die wir uns nehmen, die Zeit, die uns etwas gibt. Und ja, wenn wir sie uns nehmen werden, wird sie uns auch wieder die Freiheit geben, die wir kennengelernt haben. Weil sie nun keine Zumutung mehr, sondern eine Fülle voller Möglichkeiten ist. 

Lebe sie. Sei frei. 

Alles Liebe, Julia

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Lately

Lately, I feel like lately 'Stead of heaven, I only see the sky But maybe, I mean maybe Oh, there′s got to be more to this life  (More to this life – M. Giesinger & M. Schulte) Ich bin im Trott. Zwischen arbeiten, Wäsche waschen, einkaufen und kochen, koordinieren und organisieren, differenzieren und reflektieren  und am Schluss noch schlafen. Viel schlafen. Ich treffe zu wenige von den  vielen Leuten, die ich so gerne mag. Weil ich nicht mag.  Ich bin im Individualisierungs-Burnout, weil mich die Masse erschlägt, und ich doch niemandem so richtig gerecht werde.  Instead of heaven, I only see the sky.  I treat the universe inside of me as if it was an ordinary world.  The fire inside of me doesn’t seem to burn as much as the fire around me.  Und doch scheint die Sonne jeden Tag neu.  Unermüdlich. Aussergewöhnlich. Zu selbstverständlich.  Wir schulden ihr nicht mal was dafür.  Der Frühling kommt ungefragt aber so ersehnt. ...

weshalb Hoffen nicht die Lösung ist

Um ehrlich zu sein war ich im letzten Monat die Person, die meine Blogposts hätte lesen sollen. All this time I was finding myself and I didn‘t know, I was lost. Und manchmal scheint es, als würde es mir doch plötzlich wie Schuppen von den Augen fallen. Naja, solche Momente habe ich von Zeit zu Zeit; das Gefühl der «Erkenntnis». Und doch erkenne ich nicht immer und sehe nicht klar. Manches rede ich mir schöner, als dass es wirklich ist und anderes zeichnet sich in meinen Gedanken schlimmer und schmerzhafter ab, als es sein sollte. Und weshalb schreibe ich dann Blogposts? Um eine Essenz aus solchen Momenten zu ziehen. Um anderen einen Impuls zu geben. Und ich habe nicht mehr geschrieben, weil ich es nicht konnte. Nicht, dass es mir schlecht ging und ich am Boden zerstört war, sondern weil ich das Gefühl hatte, ich könnte mit dir, mit der Welt, nicht das teilen, was sinnstiftend ist. Jetzt sitze ich hier und schreibe trotzdem. Nicht, weil ich etwas gefunden habe, was die Welt wirklic...

Ode an meine Zwanziger

Nur kurz vorab: Dieser Post wird keine Ode im klassischen Sinne, sondern eine, in meinem Sinne. So wie ich nämlich auch meine Zwanziger gelebt habe.    Ich stehe kurz vor meinen Dreissigern, nur noch einen Augenblick entfernt. Vor ein paar Jahren noch mein Endgegner, heute ist es eher eine Erleichterung. Die Zwanziger waren für mich eine Herausforderung zwischen Überleben, Kämpfen und Leben. Die Reihenfolge war hier frei wählbar, Episoden waren wiederkehrend und manchmal war es auch alles miteinander.    In den Zwanziger kann man alles tun, man sollte aber auch alles tun. Sich ausprobieren, reisen und Neues erleben. Am besten aber auch Geld verdienen, sich ein Standbein aufbauen und gleichzeitig in die Zukunft schauen. Alte Kontakte pflegen und neue Menschen kennenlernen, und vor allem auf eigenen Beinen stehen.  Ich nahm das sehr ernst. Vielleicht oft auch zu ernst. Ich habe mich mental an diesen Vorstellungen festgehalten und wurde erst frei, als ich all das l...